Wir essen zu energiereich, zu Eiweiß-haltig, zu fettig, zu süß, zu salzig und ernähren uns damit insgesamt ungesund. Doch versauert und verschlackt der Körper deshalb? Trennkost-Anhänger und Fasten-Fans haben die feste Überzeugung, dass dies der Fall sei. Hat die Nahrung, die wir essen, überhaupt einen Einfluss auf den Säure-Basen-Haushalt? Und was ist eigentlich unter einem solchen zu verstehen? Fragen über Fragen…

Trennköstler glauben, dass der Körper durch die gemeinsame Aufnahme von Proteinen und Kohlenhydraten überlastet würde und es zu Gärungsvorgängen im Dünndarm und einer Ansammlung von gesundheitsschädlichen „Schlacken“ käme. Das wichtigste Gegenargument dürfte wohl sein, dass kein Lebensmittel nur aus Kohlenhydraten oder Proteinen besteht, sondern stets beide Nährstoffe enthält, wenn auch in unterschiedlichen Anteilen. Würde die Theorie zutreffen, wäre Muttermilch, die sowohl Eiweiß als auch Kohlenhydrate beinhaltet, als erste und ausschließliche Energiequelle von Säuglingen komplett ungeeignet. So gesehen ist das Konzept der Trennkost nicht aufrecht zu halten. Darüber hinaus kann ein Verzicht auf angeblich säureüberschüssige Lebensmittel wie Milchprodukte und Getreide zu einem Mangel an Magnesium, Calcium, Eisen, Eiweiß und Vitaminen der B-Gruppe führen.
Fasten soll nach Meinung seiner Verfechter dem Zweck dienen, „Schlacken“ und „Gifte“ aus dem Körper zu schwemmen, indem der Nahrungsverzehr weitestgehend eingestellt und möglichst viel Flüssigkeit zugeführt wird. Wissenschaftlich ist diese Annahme ebenfalls nicht haltbar, denn im menschlichen Körper gibt es keine Ansammlung von „Schlacken“. Unter normalen physiologischen Bedingungen werden nicht verwertbare Stoffwechselendprodukte umgehend über die Nieren, den Darm, die Atmung oder die Haut ausgeschieden.
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Längeres Fasten kann, im Gegensatz zur zugeschriebenen positiven Wirkung sogar gesundheitsschädlich sein. Denn im Hungerstoffwechsel entstehen Ketonkörper, die zu einer Übersäuerung des Blutes (Azidose) führen und auf diese Weise den Säure-Basen-Haushalt also nicht ins, sondern aus dem Gleichgewicht bringen können. Eine vermehrte Ausscheidung von Ketonkörpern wiederum hemmt die Ausscheidung von Harnsäure über die Nieren. Folgen können ein akuter Gichtanfall und die Entstehung von Harnsäuresteinen sein.
Die Idee einer Übersäuerung des Körpers kam bereits vor über einem Jahrhundert auf. Doch nicht nur die Idee, auch die theoretischen Grundlagen, auf denen diese beruht, sind älteren Datums. Aktuelle Erkenntnisse lassen Abstand nehmen von so abstrakten Begriffen wie einer „Übersäuerung“ oder „Verschlackung“, die sich wissenschaftlich nicht belegen lassen.
Richtig ist, dass für den Ablauf von Stoffwechselfunktionen ein ausgeglichener Säure-Basen-Haushalt sehr wichtig ist. So wichtig, dass der Körper den pH-Wert (1) im Blut und Gewebe streng reguliert und sich dabei gleich auf mehrere Mechanismen stützt. An der Säure-Basen-Regulation sind vor allem die Organe Leber, Lunge und Nieren beteiligt, daneben aber auch verschiedene Puffersysteme. Zu diesen gehören Hydrogencarbonat, Hämoglobin, Proteinat und Phosphat. Dank der großzügig ausgelegten Kapazität der Puffersysteme ist der Körper unter normalen Bedingungen ohne Weiteres in der Lage, den pH-Wert optimal einzustellen.
Falls doch einmal Störungen im Säure-Basen-Haushalt (Azidose, Alkalose) auftreten, ist dies in der Regel eine Folge von ernsten behandlungsbedürftigen Erkrankungen (beispielsweise ein entgleister Diabetes). Hier führt die zugrunde liegende Erkrankung – und nicht die Ernährung – zu einer Entgleisung des Stoffwechsels (Ausnahmen: Hungern/Fasten s. oben, daneben auch: intensive körperliche Aktivität). In diesem Fall kann die Ernährung die Entgleisung auf der einen Seite verschlimmern, aber sie kann auch therapeutisch mit dem Ziel einer positiven Beeinflussung eingesetzt werden.
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Ein gewisser Einfluss der Nahrung lässt sich übrigens über die Messung des Urin-pHs ablesen. Obst, Gemüse, Salate und Fruchtsäfte wirken leicht alkalisierend. Der Saft von Zitrusfrüchten erhöht das puffernde Hydrogencarbonat im Körper. Getreide und proteinreiche Nahrungsmittel tierischer Herkunft wie Fleisch, Fisch, Wurstwaren und Käse, aber auch phosphatreiche Getränke wie Cola gehören hingegen zu den Lebensmitteln, die den pH-Wert im Urin senken können. Durch eine abwechslungsreiche Ernährung mit moderater Proteinaufnahme ließe sich die Pufferkapazität des Organismus demnach erhöhen. Eine obst- und gemüsereiche Ernährung ist aber auch empfehlenswert, weil dadurch reichlich Vitamine, Mineralstoffe, sekundäre Pflanzeninhaltsstoffe und Ballaststoffe zugeführt werden. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt deshalb, täglich 250 g Obst und 400 g Gemüse zu verzehren. Doch sollte der Einfluss der Ernährung nicht überschätzt werden: Gegenüber den Puffersystemen kommt Lebensmitteln nur eine sehr untergeordnete Bedeutung bei der Regulation des Säure-Basen-Haushalts zu.
(1) Der pH-Wert ist ein Maß für den sauren oder basischen Charakter einer Lösung. Bei einem pH-Wert von 7 spricht man von einer neutralen Lösung, bei Werten zwischen 0 und 7 überwiegt der saure Charakter (je kleiner der pH-Wert, desto stärker sauer), zwischen 7 und 14 steigt der basische Charakter mit zunehmendem Zahlenwert.
Quellen einblenden
- Siener R (2011): Säure-Basen-Haushalt und Ernährung. Ernährungsumschau 2011: 562-568.
- Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) (1998): Haysche Trennkost ist als langfristige Ernährungsform nicht zu empfehlen. DGE-special 02/98.
- Michael Kindt (2006): Die Haysche Trennkost.




