Vorurteile über Menschen mit Übergewicht sind weit verbreitet. Undiszipliniert sollen sie sein, gefräßig, faul, in der Folge krank und an allem selber schuld. Für die Betroffenen vergrößert sich dadurch die Krankheitslast: Viel schwerer als mögliche körperliche Folgen sind häufig die psychischen Verletzungen durch soziale Stigmatisierungen.

Vorurteile haben eine wichtige Funktion in unserer Gesellschaft. Sie vereinfachen die komplexe Realität und fördern den sozialen Zusammenhalt. Wenn Vorurteile allerdings diskriminierend werden, leiden Betroffene häufig sehr unter der dadurch eingeleiteten sozialen Ausgrenzung, psychische Erkrankungen können die Folgen sein.
Welche Konsequenzen haben negative gewichtsbezogene Meinungen und Vorurteile für Menschen mit Übergewicht? Wissenschaftler der Universitätsmedizin und des Integrierten Forschungs- und Behandlungszentrums (IFB) Adipositas-Erkrankungen in Leipzig befragten 1158 Probanden mit Übergewicht oder Adipositas, um herauszufinden, wie die Probanden mit gewichtsbezogenen Vorurteilen, denen sie häufig im Alltag begegnen, umgehen. Stigmatisierungen aus dem Umfeld können dazu führen, die fremden Meinungen zu übernehmen und sich mit der Zeit selbst zu stigmatisieren. Diese Zusammenhänge konnten die Wissenschaftler belegen und mögliche Folgen aufzeigen: Die Probanden mit stärkerer Selbststigmatisierung hatten einen geringeren Selbstwert, schätzten ihre Gesundheit schlechter ein und zeigten häufiger Anzeichen von Ängsten und Depressionen als die Personen, die sich nicht selbst verurteilten.
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Menschen, die sich selbst stigmatisieren, haben häufig auch das Gefühl, selbst nicht wirklich etwas an ihrem Zustand verändern zu können (verminderte Selbstwirksamkeit) und Hilfe zu benötigen. Dementsprechend wurde in der Leipziger Studie beobachtet, dass übergewichtige und adipöse Probanden mit Selbststigma häufiger den Arzt aufsuchen als Probanden, die sich nicht stigmatisieren. Allerdings handelt es sich bei diesem Ergebnis um eine Einzelbeobachtung. Andere Studien berichten über eine schlechtere Gesundheitsversorgung von Probanden mit starkem Übergewicht. Sie nahmen seltener an Vorsorgeuntersuchungen teil, vielleicht aus der Angst heraus, aufgrund ihres Gewichts auf Ablehnung zu stoßen.
Wie lassen sich verletzende Vorurteile und Klischees abbauen? Die Professorin Steffi Riedel-Heller vom IFB erläutert: „Am wichtigsten ist es wohl, dafür zu sorgen, ein realistisches Bild von den möglichen Ursachen von Übergewicht zu kommunizieren. Übergewicht ist selbstverständlich eine Folge von einer konstant positiven Energiebilanz. Es werden also mehr Kalorien aufgenommen als benötigt. Aber die Frage ist dann ja, was die Ursache für dieses Zuviel an Kalorien ist. Dafür finden sich unzählige Einflussfaktoren. Außerdem ist es natürlich immer wichtig, klar zu machen, welche Konsequenzen Diskriminierung für die Betroffenen hat. Wir haben es in der Hand, ob wir ein Vorurteil nähren und vor allem, ob wir es handlungswirksam werden lassen.“
Quellen einblenden
- IFB Adipositas Erkrankungen: Der Teufelskreis der Ausgrenzung.
- A. Hilbert, E. Braehler, W. Häuser, M. Zenger (2013): Weight bias internalization, core self-evaluation, and health in overweight and obese persons. Obesity, Online-Vorabveröffentlichung




