Nocebo-Effekt dürfte vielfach eine Rolle spielen
Die Zahl der von Glutensensitivität betroffenen Menschen soll wesentlich größer sein als die der Zöliakiekranken. Dieser Eindruck entsteht jedenfalls leicht, wenn man die Meldungen in der Öffentlichkeit verfolgt. Glutensensitive leiden unter Durchfall, Bauchschmerzen, Flatulenz und Kopfschmerzen, jedoch ohne spezifische Zöliakie-typische Beschwerden zu haben (veränderte Dünndarmschleimhaut, erhöhte Konzentration von Antikörpern gegen Transglutaminase und Endomysium).
In den USA sollen 17 Millionen Menschen von einer Glutensensitivität, auch als „Glutenunverträglichkeit ohne Zöliakie“ bezeichnet, betroffen sein. Es wird geschätzt, dass 15-25 Prozent der amerikanischen Konsumenten glutenfreie Produkte konsumieren möchten. Ungewissheit schafft hier Nachfrage: Zahlreiche Foren, Patientenseiten und Hersteller von glutenfreien Produkten informieren über die – eher nebulöse – Erkrankung. Wohl nicht ganz ohne Eigennutz, denn das Geschäft mit glutenfreien Produkten verspricht große Gewinne. Eine Notwendigkeit zum Verzehr dieser Produkte sei allerdings bei vielen dahingestellt.

Diagnose und das Krankheitsbild einer Glutensensitivität sind alles andere als gesichert und die wissenschaftliche Evidenz ist mangelhaft. Lediglich in einer im Jahr 2011 veröffentlichten Studie führte die erneute Glutenaufnahme bei Patienten ohne Zöliakie zu einer Verschlechterung funktioneller Beschwerden. Die Mediziner A. Sabatino und G. Corazza setzen sich daher in einem Artikel, der in der Zeitschrift Annals of Internal Medicine erschienen ist, kritisch mit dem Krankheitsbild „Glutensensitivität“ auseinander.
Die Erklärungsansätze für den Zusammenhang zwischen der Glutenaufnahme und den Symptomen körperlichen Unwohlseins sind bislang rein spekulativ. Es wird vermutet, dass eine Aktivierung der angeborenen Stressantwort die Symptome auslösen kann. Im Gespräch sind außerdem eine zusätzliche Stärkemalabsorption, veränderte Darmpassagezeiten sowie entzündliche Prozesse im Darm, die durch die Glutenaufnahme gefördert werden. In vielen Fällen könnte aber auch ein sogenannter Nocebo-Effekt vorliegen: Menschen, die davon überzeugt sind, ein bestimmtes Lebensmittel nicht zu vertragen, leiden nach einer offenen Provokation unter bestimmten Symptomen. Ein solcher Nocebo-Effekt wurde bereits bei anderen (vermeintlichen) Lebensmittelunverträglichkeiten durch Doppelblindstudien nachgewiesen.
Sabatino und Corazza raten, nicht zuletzt wegen der Alltagsbeeinträchtigungen und finanziellen Belastungen, die eine falsch-positive Glutensensitivitäts-Diagnose mit sich bringt, zu „mehr Vernunft und weniger Gefühl“ bei der Diagnosestellung. Ideal sei eine doppelblinde, plazebokontrollierte orale Provokation. Da dieser Goldstandard sich im klinischen und ärztlichen Alltag kaum etablieren lässt, empfehlen die Ärzte alternativ eine offene oder einfach verblindete Glutenprovokation je nach Art der geschilderten Symptome.
Quelle:
A. Di Sabatino, G. R. Corazza (2012): Nonceliac gluten sensitivity: sense or sensibility? Annals of Internal Medicine 156: 309-311




