Zöliakie: Reovirus vermittelt Erkrankungsmanifestation

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Ein Infektionen mit dem scheinbar harmlosen, weit verbreiteten Reovirus kann Immunreaktionen auf das Getreideeiweiß Gluten auslösen und damit eine Zöliakieerkrankung anbahnen. Dieses kürzlich in der Fachzeitschrift Science publizierte Forschungsergebnis könnte langfristig zur Entwicklung eines Zöliakieimpfstoffs für genetisch prädisponierte Menschen beitragen.

 © The Knowles Gallery
© The Knowles Gallery

Wie viele Menschen in Deutschland von einer Zöliakie betroffen sind, lässt sich schwer sagen, da die Erkrankung eine hohe Dunkelziffer aufweist. Zöliakieexperten gehen davon aus, dass jeder hundertste bis fünfhundertste Einwohner Deutschlands Zöliakie hat, wobei der Schweregrad der Erkrankung variiert. Welche Faktoren zur Manifestation einer Zöliakie führen, ist bislang nicht genau bekannt. Mittlerweile lassen sich durch die Bestimmung sogenannter Histokompatibilitätsantigene (kurz: HLA) Menschen identifizieren, die ein erhöhtes Erkrankungsrisiko besitzen. Doch von den HLA-DQ2 beziehungsweise HLA-DQ8 positiv getesteten Menschen erkrankt nur ein geringer Anteil tatsächlich an einer Zöliakie. Wie lässt sich dies erklären?

Mit dieser Frage beschäftigten sich auch Dr. Romain Bouziat von der Universität Chicago und seine Kollegen. Die Wissenschaftler hatten sich bereits seit längerem mit Reoviren befasst, bevor sie deren Bedeutung bei der Erkrankung an einer Zöliakie erkannten. „Diese Studie zeigt deutlich, dass ein Virus, das nicht klinisch symptomatisch ist, dennoch dem Immunsystem schaden kann und die Grundlage für autoimmune Erkrankungen, insbesondere eine Zöliakie, bilden kann“, erläutert Seniorautorin Prof. Bana Jabri. „Allerdings sind das spezifische Virus und seine Gene, die Wechselwirkung zwischen der Mikrobe und dem Wirt und der Gesundheitszustand des Wirtes ebenfalls von Bedeutung“, so Jabri weiter.

Im Rahmen ihrer Studie untersuchten die Wissenschaftler zwei verschiedene Reovirusstämme. Beide Virenstämme infizierten den Darm von Mäusen, ohne aber zu einem Erkrankungsausbruch zu führen. Allerdings bestanden an anderer Stelle interessante Unterschiede zwischen beiden Virenstämmen: Während die Viren des einen Stammes entzündliche Immunreaktionen und den Verlust der oralen Glutentoleranz hervorriefen, wurden bei dem anderen eng verwandten, jedoch genetisch verschiedenen Reovirusstamm keine entsprechenden Vorgänge beobachtet. Weitere Untersuchungen an Zöliakie-erkrankten Menschen zeigten, dass diese wesentlich höhere Antikörperspiegel gegen Reoviren hatten als Nichterkrankte. Zugleich war die IRF1-Genexpression erhöht. Der Transkriptionsregulator IRF1 gilt als Schlüsselfaktor für den Verlust der oralen Glutentoleranz. Aus diesen Ergebnissen folgern die Wissenschaftler, dass eine Reovirus-Infektion das Immunsystem nachhaltig beeinflussen kann und langfristig zur Entstehung einer Zöliakie beiträgt.

Gerade im Säuglingsalter erkranken viele Kinder an einer Zöliakie. Dies wurde in der Vergangenheit häufig auf die Einführung glutenhaltiger (Bei-)Kost zurückgeführt. Jabri und ihre Kollegen gehen davon aus, dass auch in diesem jungen Alter eine Reovirusinfektion an der Zöliakieerkrankung beteiligt sein kann. „Während des ersten Lebensjahres ist das Immunsystem noch nicht reif, sodass ein bestimmtes Virus bei einem Kind mit einem bestimmten genetischen Hintergrund zu diesem Zeitpunkt eine Art Narbe hinterlassen kann, die dann langfristige Konsequenzen hat„, erläutert Jabri. „Deshalb glauben wir, dass wir, wenn wir mehr Studien haben, darüber nachdenken sollten, ob Kinder mit hohem Zöliakierisiko geimpft werden sollten.“

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