Im Rahmen eines Interviews berichtete Prof. Jon Genuneit von der Medizinischen Fakultät der Universität Leipzig über aktuelle Forschungsergebnisse zu den Inhaltsstoffen von Muttermilch.
Die Ursprünge zur Forschung zu Stillen und Muttermilch gehen wohl zumindest auf das 19. Jahrhundert (1865) zurück, als Justus von Liebig die erste Säuglingsnahrung „Suppe für Säuglinge“ entwickelte. Allerdings ist das Forschungsgebiet nach wie vor nicht hinreichend exploriert. Denn die Zusammensetzung von Muttermilch ist komplex und neue technische Möglichkeiten erlauben zunehmend die Untersuchung neuer Fragestellungen. Beispielsweise ist mittlerweile bekannt, dass bestimmte in Muttermilch enthaltene Fettsäuren sich vorteilhaft auf die Gesundheit von Kindern auswirken. Daher ist deren Zusatz zu industriellen Säuglingsnahrungen mittlerweile Vorschrift.
Über die Wirkung anderer Muttermilch-Inhaltsstoffe wie etwa Mehrfachzucker (Oligosaccharide) ist dagegen noch wenig bekannt. Wissenschaftler vermuten, dass diese Moleküle sich über verschiedene Mechanismen günstig auf das Immunsystem und damit die Vermeidung von Infektionserkrankungen auswirken können. Allerdings fanden Genuneit und seine Kollegen in einer Studie keine eindeutigen Belege für einen Zusammenhang der untersuchten Mehfachzucker und das Auftreten von kindlichen Atemwegsinfektionen, Mittelohrentzündungen und Neurodermitis. Die Forschungsaktivitäten in diesem Bereich dauern jedoch noch an.
In Bezug auf den Zusammenhang zwischen Stillen und Nahrungsmittelallergien geht aus einer aktuellen Übersichtsarbeit hervor, dass allergene Eiweiße aus der Muttermilch kaum allergische Reaktionen bei Säuglingen auslösen. Die Sorge vieler Mütter, dass ihre Ernährung allergische Reaktionen bei ihren Kindern hervorrufen könnte, erscheint daher wissenschaftlich unbegründet zu sein.
Inwiefern die Zusammensetzung der Muttermilch die Gewichtsentwicklung des Kindes beeinflusst, lässt sich laut Genuneit nicht einfach beantworten. Es ist zwar bekannt, dass gestillte Kinder später in ihrem Leben seltener übergewichtig sind und an Typ-2-Diabetes erkranken als nicht gestillte Kinder. Allerdings gibt es kaum Erkenntnisse zum Effekt der Zusammensetzung der Muttermilch bei gestillten Kindern. Hinzu kommt, dass auch die Zeit nach dem Stillen, wenn das Kind feste Nahrung erhält, die spätere Gewichtsentwicklung wesentlich beeinflusst. Dies macht es schwierig, den Effekt eines einzelnen (Risiko-)Faktors auf die spätere Gewichtsentwicklung zu ermitteln.
Im Gegensatz zu früheren Überlegungen gehen Wissenschaftler mittlerweile dazu über, anstelle von isolierten einzelnen Stoffen die gesamte Komposition der Muttermilch zu betrachten. Genuneit hält es für möglich, dass die Anreicherung einzelner Stoffe in Säuglingsnahrung (beispielsweise Omega-3-Fettsäuren) nicht so bedeutsam ist wie eine vorteilhafte Mischung verschiedener Inhaltsstoffe. Allerdings stecken die Forschungsarbeiten hierzu buchstäblich noch in den Kinderschuhen.
Quellen einblenden
- Universität Leipzig (2022): „Die gesamte Komposition der Muttermilch ist relevant für die Gesundheit der Kinder“. Pressemitteilung vom 08.04.2022




