Plädoyer für Leitungswasser

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Es ist preisgünstig, jederzeit verfügbar, umweltfreundlich und gesund: Leitungswasser braucht sich nicht vor Mineralwasser aus der Flasche zu verstecken, berichtet aktuell die Stiftung Warentest. Auch in Bezug auf den Mineralstoffgehalt schneidet Leitungswasser im Vergleich erstaunlich gut ab.

 © Steve A Johnson
© Steve A Johnson

Mineralwasser ist in Deutschland heutzutage buchstäblich in aller Munde: Rund 147 Liter trank der Durchschnittsbürger im Rekordjahr 2015. Das war über zehnmal mehr als 1970 mit 12,5 Litern. Unter den Mineralwässern steigt insbesondere die Nachfrage nach stillem Wasser. Eigentlich verwunderlich, denn genauso gut könnte einfach Wasser aus der Leitung, das am besten kontrollierte Lebensmittel in Deutschland, getrunken werden. Für Leitungswasser gelten strenge Regeln und Grenzwerte. Es muss von so guter Qualität sein, dass wir es unser Leben lang trinken können, ohne davon krank zu werden. Kann Mineralwasser da mithalten?

Diese Frage stellte sich auch die Stiftung Warentest. In der Augustausgabe der Zeitschrift „test“  berichtet sie von den Ergebnissen ihres aktuellen Qualitätschecks. Die Prüfer untersuchten insgesamt 30 stille natürliche Mineralwässer und Leitungswässer aus 28 Städten und Gemeinden Deutschlands, wobei der Nachweis von Rückständen und Kontaminanten im Vordergrund stand. Abschließend konnten die Prüfer Erfreuliches berichten: In keiner der untersuchten Proben wurden die gesetzlich festgelegten Grenzwerte überschritten.

In letzter Zeit sorgten Rückstände des Unkrautvernichtungsmittels Glyphosat in Bier und Muttermilch für Aufsehen. Allerdings konnte im Labor weder in Leitungswasser noch in den Mineralwasserproben Glyphosat nachgewiesen werden. In drei Mineralwässern fanden die Prüfer Aminomethylphosphonsäure-Rückstände (kurz: Ampa). Ampa entsteht beim Abbau von Glyphosat, kann aber auch aus Phosphonaten von Waschmitteln stammen. Die gefundenen Konzentrationen in den Mineralwässern waren allerdings so gering, dass sie laut Stiftung Warentest kein gesundheitliches Risiko darstellten.

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Außerdem war in 27 von 28 Trinkwässern Nitrat nachweisbar. Es stammt überwiegend aus Gülle und Kunstdünger und sickert durch den Boden ins Grundwasser. Der höchste Nitratgehalt in den Leitungswasserproben betrug 30 Milligramm pro Liter und lag damit deutlich unter dem gesetzlich festgelegten Grenzwert von 50 Milligramm pro Liter. Mineralwässer schnitten hier mit einem Maximalwert von 15 Milligramm pro Liter besser ab.

Solange der Grenzwert für Nitrat eingehalten wird, kann Babynahrung mit Wasser aus der Leitung zubereitet werden. Es empfiehlt sich allerdings, sich beim lokalen Wasserversorger nach aktuellen Messergebnissen vor Ort zu erkundigen. Wer auf Nummer sicher gehen möchte, sollte für die Zubereitung von Säuglingsnahrung Mineralwasser verwenden, das speziell dafür ausgelobt ist. Solche Mineralwässer dürfen maximal 10 Milligramm Nitrat pro Liter enthalten, also deutlich weniger als normales Leitungswasser. Ungeachtet, welches Wasser für die Zubereitung gewählt wird, ist zu beachten, dass beide nicht steril sind. Daher sollte das Wasser zum Schutz vor Keimen vor der Zubereitung von Babynahrung besser abgekocht werden.

In einigen Trinkwasserproben wurden auch Spuren von Medikamenten und Röntgenkontrastmitteln gefunden, die aufgrund ihrer geringen Konzentration jedoch nicht gesundheitlich bedenklich sind. Östrogene – etwa aus der Antibabypille – waren dagegen in keinem der Leitungswässer nachweisbar. Die Mineralwässer waren frei von Medikamenten- oder Röntgenkontrastmittel-Rückständen, enthielten aber teilweise geringe Mengen hormonell aktiver Substanzen. Wie diese in die entsprechenden Mineralwässer gelangen konnten, ist bislang unklar. Außerdem konnten die Prüfer in einigen Mineralwasserproben Acetaldehyd, welches aus den PET-Flaschen in das Wasser übergegangen war, nachweisen. Die Gehalte wurden als unkritisch eingestuft, können sich allerdings als fruchtig-süße Fehlnote bemerkbar machen. Sechs der untersuchten Mineralwässer waren zudem mit Keimen belastet.

 © Toukou Sousui
© Toukou Sousui

Wo „Mineralstoffe“ namensgebend sind, müssen nicht unbedingt besonders viele Mineralstoffe enthalten sein. Dies zeigte auch der Vergleich des Mineralstoffgehalts der Leitungs- und Mineralwässer. Der Mineralstoffgehalt der getesteten Leitungswässer lag zwischen 78 Milligramm pro Liter in Goslar (Harz) und 786 Milligramm pro Liter in Rinteln (Weserbergland). Im Mittel waren es 380 Milligramm pro Liter. Bei den Mineralwässern lag die Spannweite zwischen 57 und 2606 Milligramm pro Liter. Von den 30 stillen Mineralwässern in der Stichprobe übertrafen nur acht den Mineralstoffgehalt des Rintelner Trinkwassers, der mittlere Mineralstoffgehalt betrug 790 Milligramm pro Liter. Übrigens sind die enthaltenen Mineralstoffe von großer Bedeutung für den Geschmack des Wassers: natrium- und chloridreiches Wasser schmeckt salzig, sulfatreiches Wasser hat eine süßliche bis leicht bittere Note. Der Calcium- und Magnesiumgehalt eines Wasser bestimmt seine Härte. Wird Wasser kalt getrunken, ist hartes Wasser beliebter, Tee- und Kaffeetrinker bevorzugen dagegen weiches Wasser.

Preislich ist Leitungswasser allen Mineralwässern klar überlegen: Ein Liter schlägt mit rund einem halben Cent zu Buche. Dagegen kostete schon das günstigste Mineralwasser im Test 24 Cent pro Liter, das teuerste sogar 70 Cent.

Das Fazit: Leitungswasser ist zwar nicht makellos, aber gut. „Leitungswasser ist so gesund wie Flaschenware, unschlagbar günstig und umweltschonend obendrein„; resümiert auch der Vorstand der Stiftung Warentest, Hubertus Primus. In manchen Fällen ist es dennoch sinnvoll, sich für ein bestimmtes Mineralwasser zu entscheiden. Ein besonders kalziumreiches Mineralwasser beispielsweise kann Menschen mit Laktoseintoleranz helfen, ihren Kalziumbedarf zu decken. Und Menschen, die unter Verstopfungen leiden, profitieren möglicherweise von sulfatreichen Mineralwässern.

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