Anorexie und Bulimie: Hunger abprogrammiert

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Wissenschaftler an der Universität Colorado haben auf neurologischer Ebene aufgeklärt, wie an Anorexie (Magersucht) oder Bulimie erkrankte Menschen in der Lage sind, sich über den Drang zu essen hinwegzusetzen.

Schranke
© ThomasKohler

Wieso soll ich essen, wenn ich gar keinen Hunger habe? Gesunde Menschen können sich kaum vorstellen, wie Menschen mit einer Anorexie oder einer Bulimie (in der restriktiven Phase) mit unglaublich geringen Essensmengen auskommen können, ohne permanent vom Hunger geplagt zu werden. Die Ursachen hierfür könnten im neurologischen Bereich liegen, wie eine Studie zeigt, deren Ergebnisse aktuell in der Zeitschrift „Translational Psychiatry“ veröffentlicht wurden.

Assistenzprofessor Dr. Guido Frank und seine Kollegen verglichen darin neurologische Prozesse von 26 Frauen mit einer Anorexie, 25 Frauen mit einer Bulimie und 26 Frauen ohne Essstörungen nach dem Probieren einer zuckerhaltigen Lösung. Dabei stellten die Wissenschaftler deutliche Unterschiede zwischen den Probandinnen mit und ohne Essstörungen fest, während die neurologischen Prozesse zwischen den Frauen mit einer Anorexie oder einer Bulimie vergleichbar waren.

Im gesunden Organismus steuert der Hypothalamus, ein Teil des Zwischenhirns, den Appetit und die Nahrungsaufnahme. Dagegen scheinen bei Essstörungen andere Gehirnregionen die Signale des Hypothalamus zu übertönen. „In der klinischen Welt nennen wir dies ‚Geist über Materie‘ [mind over matter]“, erläutert Assistenzprofessor Dr. Guido Frank. „Jetzt haben wir physiologische Beweise, um diese Idee abzusichern.“

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Frank und seine Kollegen konnten mit Hilfe von Gehirnscans weitreichende Veränderungen im Belohnungssystem und der Appetitregulation bei den Probandinnen mit einer Essstörung beobachten. Diese Veränderungen betrafen den Bereich des Zentralnervensystems, der als weiße Substanz bezeichnet wird und die Kommunikation zwischen verschiedenen Gehirnarealen koordiniert. Außerdem waren die Signale des Hypothalamus deutlich abgeschwächt und der Informationsfluss verlief in die umgekehrte Richtung. Insgesamt können die beobachteten Vorgänge erklären, wie das Gehirn von Menschen mit einer Anorexie oder Bulimie die Signale des Hypothalamus zur Nahrungsaufnahme ausblenden kann.

Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass Menschen bereits bei Geburt prädisponiert sind, Süßes zu mögen. Diejenigen, die an einer Anorexie oder Bulimie erkranken, beginnen allerdings, süße Nahrungsmittel aus Angst vor einer Gewichtszunahme zu vermeiden. „Man könnte diese Vermeidung als eine Form angelernten Verhaltens sehen und spezifischer als ‚operante Konditionierung‘, mit einer Gewichtszunahme als gefürchteter ‚Bestrafung‘ „, ist in der Studie zu lesen. Dieses Verhalten wiederum könnte die Schaltkreise des Gehirns für die Appetitregulation und Nahrungsaufnahme verändern. Die Forscher vermuten, dass die Angst vor bestimmten Lebensmitteln Auswirkungen auf den Geschmack-Belohnungsprozess des Gehirns haben und letztendlich den Einfluss des Hypothalamus reduzieren könnte.

Allerdings bleiben in diesem Forschungsgebiet noch viele Fragen unbeantwortet. „Wir verstehen jetzt auf biologischer Ebene besser, wie diejenigen mit einer Essstörung in der Lage sind, das Verlangen nach Essen auszublenden“, sagt Assistenzprofessor Dr. Frank. „Als nächstes müssen wir anfangen, Kinder anzuschauen, um zu sehen, ab wann der Prozess einsetzt.“

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