Das Angebot an glutenfreien Lebensmitteln wächst verglichen mit der Zöliakie-Prävalenz (Krankheitshäufigkeit) überproportional. Längst haben sich auch die Discounter auf den neuen Gesundheitstrend eingestellt. Doch wie sinnvoll ist eine glutenfreie Ernährung für gesunde Menschen und speziell Kinder? Gibt es Risiken, die die antizipierten Vorteile übersteigen?

In den USA wurden 2015 mehr als 1.500 Erwachsene, die sich glutenfrei ernährten, nach den Gründen hierfür gefragt. Ein Drittel der Befragten (35 Prozent) wählte die Antwort „keinen Grund“, ein Viertel hielt eine glutenfreie Ernährung für die „gesündere Option“ (26 Prozent) und ein Fünftel der Befragten glaubte an eine verdauungsfördernde Wirkung (19 Prozent). Bei jedem zehnten Befragten (10 Prozent) war ein Familienmitglied „glutensensitiv“ und lediglich acht Prozent gaben an, selbst „glutensensitiv“ zu sein. Doch ohne ärztliche Indikation kann eine konsequent glutenfreie Ernährung mehr schaden als nützen, warnt Dr. Norelle R. Reilly vom Columbia University Medical Center in New York. In einer Kolumne in der Fachzeitschrift „Journal of Pediatrics“ diskutiert sie Vorteile, Nachteile und mögliche Risiken, die durch eine glutenfreie Ernährung für eigentlich gesunde Kinder entstehen.
„Aus Sorge um die Gesundheit ihrer Kinder setzen Eltern manchmal ihre Kinder auf eine glutenfreie Diät, in dem Glauben, dass diese Symptome lindert, Zöliakie verhindert oder eine gesunde Alternative darstellt, ohne vorherige Prüfung auf Zöliakie oder Beratung durch einem Ernährungsberater„, erläutert Dr. Reilly. Der aktuelle Trend zur glutenfreien Ernährung beruht allerdings auf vielen Missverständnissen.
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Glutenfrei: Bestandteil eines gesunden Lebensstils ohne Risiken?
Laut Dr. Reilly existieren nur zwei Krankheitsbilder, bei denen eine glutenfreie Ernährung nachweisbaren Nutzen mit sich bringt: Zöliakie oder eine Weizenallergie. Dagegen können durch die Wahl glutenfreier Produkte die Aufnahme von Fett und damit die Energieaufnahme insgesamt ansteigen, Nährstoffmängel werden wahrscheinlicher und die Diagnose einer tatsächlich vorliegenden Erkrankung wird erschwert. Ein wissenschaftlicher Beleg dafür, dass Gluten toxisch für den menschlichen Stoffwechsel ist, ist zudem nicht vorhanden.
Glutenfrei wegen familiärer Vorbelastung?
Weder Verwandte ersten Grades noch Kinder mit einem erhöhten Zöliakie-Risiko profitieren von einer vorsorglich glutenfreien Ernährung. Im aktuellen wissenschaftlichen Verständnis ist weder eine besonders frühzeitige noch eine verzögerte Einführung von Gluten bei Kindern mit Zöliakie-Prädisposition mit einem geringeren Erkrankungsrisiko verbunden, da die Erkrankung genetisch determiniert ist.
Glutenfrei: Mehr Schaden als Nutzen?
Wegen der erhöhten Kosten glutenfreier Lebensmittel, drohender Nährstoffmängel und Einschränkungen in der Lebensqualität kann eine glutenfreie Ernährung in den Augen von Dr. Reilly mehr schaden als nutzen. „Eltern sollten über mögliche finanzielle, soziale und ernährungsbezogene Folgen einer unnötigen glutenfreien Ernährung informiert werden„, fordert die Wissenschaftlerin. Anbieter gesundheitlicher Dienstleistungen wären zwar möglicherweise nicht mehr in der Lage, den Trend zur glutenfreien Ernährung aufzuhalten, sie sollten aber dennoch eine größere Rolle bei der Aufklärung von Patienten und Eltern spielen, empfiehlt Dr. Reilly.
Quellen einblenden
- Norelle R. Reilly (2016): The gluten-free diet: recognizing fact, fiction, and fad. The Journal of Pediatrics, Online-Vorabveröffentlichung
- ScienceDaily (2016): The gluten-free diet in children: Do the risks outweigh the benefits? Online-Artikel vom 13.05.2016




