Weltgesundheitsorganisation (WHO): Kritik an globalen Werbepraktiken für Säuglingsnahrung

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Stillen ist natürlich, praktisch, fördert die Bindung zwischen Mutter und Kind und ist nachweislich gesünder für Babys als Flaschennahrung. Dennoch konnten Hersteller von Säuglingsnahrung in den letzten 20 Jahren ihren weltweiten Umsatz fast verdoppeln. Dies gelingt durch hohe Investitionen in eine ausgeklügelte Werbestrategie, wie WHO und UNICEF in ihrem neuen Bericht darlegen.

Die WHO hat gemeinsam mit UNICEF eine internationale Studie initiiert, in der 8.500 werdende oder junge Mütter sowie 300 Gesundheitsfachkräfte aus acht Ländern befragt wurden. Ihre Antworten geben Aufschluss darüber, wie Hersteller von Säuglingsnahrung versuchen, Ernährungsentscheidungen und das Ernährungsverhalten von Familien zu beeinflussen.

In allen an der Umfrage beteiligten Ländern äußerte mindestens die Hälfte der Frauen den starken Wunsch, ausschließlich zu stillen. In Bangladesch waren es sogar nahezu alle Frauen (98 Prozent). Der Bericht beschreibt allerdings auch, wie ein anhaltender Fluss von Werbebotschaften mit der Zeit das Vertrauen der Frauen in ihre Fähigkeit, erfolgreich zu stillen, untergräbt. Zu den häufig berichteten Mythen zählt die Notwendigkeit des Zufütterns in den ersten Tagen nach der Geburt, die Unzulänglichkeit von Muttermilch für die Säuglingsernährung, dass bestimmte Inhaltsstoffe von industriell gefertigter Säuglingsnahrung die kindliche Entwicklung oder Immunität nachweislich verbessern, sowie die Behauptung, dass Säuglingsnahrung Säuglinge länger satt hält.

Jede zweite der befragten werdenden oder jungen Mütter hatte schon einmal Werbung für Säuglingsnahrung erhalten, sei es über die sozialen Medien oder direkt in Kliniken. Je nach Land gaben drei bis 46 Prozent der befragten Frauen an, kostenlose Proben bekommen zu haben. Häufig erhielten die Frauen auch Empfehlungen von Gesundheitsfachkräften zur Verwendung industrieller Säuglingsnahrung. Das Fatale daran: Je häufiger die Frauen mit der Werbung konfrontiert wurden, desto positiver war ihre Einstellung zur industriellen Säuglingsnahrung.

Prospekte und Anzeigen in Zeitungen und Zeitschriften waren gestern. Die Werbestrategien der Hersteller von Säuglingsanfangsnahrung sind längst im 21. Jahrhundert angekommen und werden immer subtiler. Hierzu zählt das Sammeln von Kontaktdaten schwangerer Frauen und Bereitstellen zielgerichteter „Informationen“. In Großbritannien haben alle Hersteller virtuelle Baby-Clubs gegründet, die den Frauen freundschaftlich mit Rat und Tat in allen Lebenslagen zur Seite stehen. Unterschwellig schüren sie Zweifel, ob die Babys durch das Stillen gut mit allen benötigten Nährstoffen versorgt sind. Beliebt ist nach wie vor die gezielte Kontaktaufnahme mit Hebammen und anderen im Gesundheitswesen tätigen Personen und neuerdings die Werbung über InfluencerInnen.

Bereits vor Jahren hat die WHO gemeinsam mit Partnerorganisationen einen internationalen Kodex zur Vermarktung von Muttermilchersatzprodukten formuliert. Er soll das Stillen und junge Familien vor kommerziellen Interessen schützen. Der Kodex dient als moralische Empfehlung für alle Staaten, ist jedoch nicht rechtlich bindend. Allerdings wurde ein Teil seines Inhalts als EU-Verordnung in geltendes Recht umgesetzt und gilt damit auch in Deutschland.

Nichtsdestotrotz nutzen die Hersteller von Säuglingsnahrung jedes sich bietende Schlupfloch. So sieht der Kodex ein generelles Verbot für Werbung für industrielle Säuglingsnahrung vor. In Deutschland gilt dies nur für Säuglingsanfangsnahrung. Daher floriert der Markt für Folgenahrung, und Produzenten setzten auf sogenannte „Cross-Werbung“: Das positive Image ihrer Firma und Wiedererkennungs-Effekte eines Folgemilch-Produkts sollen auf das optisch ähnlich präsentierte Anfangsmilch-Produkt abfärben. Auch die Kommunikation mit schwangeren Frauen, Müttern und Familien über soziale Netzwerke ist hierzulande sehr beliebt. Untersagt sind dagegen Gratisproben, Rabatte für Säuglingsanfangsnahrung oder Werbegeschenke mit Firmenlogos von Herstellern.

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