Rote Karte für Kinderlebensmittel

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Zu fett, zu süß und für eine ausgewogene Ernährung von Kindern meistens ungeeignet – so lautet das vernichtende Urteil der Verbraucherschutzorganisation Foodwatch über das Angebot an Kinderlebensmitteln. Kritisiert werden außerdem das perfide Marketing und die überbordende Lobbyarbeit von Lebensmittelkonzernen, die Produkte für Kinder anbieten.

Der Anteil übergewichtiger Kinder in Deutschland wächst. Mittlerweile ist mindestens jedes siebte Kind zwischen zwei und 17 Jahren übergewichtig, die Hälfte dieser Kinder hat starkes Übergewicht (Adipositas). Schuld daran sind laut Foodwatch auch die Lebensmittelkonzerne mit ihrem Angebot an energie-, fett- und zuckerreichen Snacks und Süßigkeiten speziell für Kinder.

Süßigkeit aus Schokolade
Viele "Kinderlebensmittel" sind für einen häufigen Verzehr ungeeignet.

Für ihren aktuellen Report „Kinder kaufen. Wie die Lebensmittelindustrie zur falschen Ernährung verführt, Eltern täuscht und die Verantwortung abschiebt“ untersuchte Foodwatch die Zusammensetzung und Eignung von 1514 sogenannten Kinderlebensmitteln. Das Ergebnis war besorgniserregend deutlich: Speziell für Kinder angebotene und beworbene Lebensmittel sind hauptsächlich Snacks und Süßigkeiten. Da ist es schon fast nicht mehr erstaunlich, dass 73,3 Prozent der Lebensmittel, das heißt drei von vier der untersuchten Produkte, von Ernährungsexperten in die rote Kategorie eingestuft wurden. Der Grund? Die Kinderlebensmittel enthielten große Mengen an Fett und Zucker, ein Verzehr sei daher nur in sehr geringen Mengen zu empfehlen. Nur 12,4 Prozent der speziell für Kinder hergestellten Lebensmittel dürften auch öfter auf dem Speiseplan stehen.

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Ärgerlich außerdem: Auch Produkte, die eigentlich ausgewogen sein könnten, beispielsweise Frühstücksflocken und Milchprodukte, sind laut Foodwatch in der Regel überzuckert und aromatisiert. Eine ausgewogene Ernährung sei mit den Industrieprodukten praktisch unmöglich. Die Verbraucherorganisation kritisierte darüber hinaus das „perfide Marketing“ sowie die „überbordende Lobbyarbeit“, die in Kindergärten, Schulen und bei Sportveranstaltungen begönne und auch vor der Politik nicht haltmache. So gibt Foodwatch den Vertretern der Lebensmittelindustrie die Schuld am Scheitern der Ampelkennzeichnung für Lebensmittel.

Äpfel
Obst wird im Gegensatz zu Süßigkeiten kaum beworben.

Doch warum bietet die Industrie nicht mehr gesunde Kinderlebensmittel an? „Dafür gibt es einen logischen Grund: Mit Obst und Gemüse lässt sich nur wenig Profit machen – mit Junkfood und Softdrinks schon mehr. Es lohnt sich ganz einfach nicht, gesunde Produkte ans Kind zu bringen“, erklärt Anne Markwardt von Foodwatch. Das Geschäftsmodell der Lebensmittelindustrie, insbesondere großer Konzerne, basiere darauf, mit relativ billigen Rohstoffen (Stärke, pflanzliche und tierische Fette, Zucker) unter Zuhilfenahme von Zusatzstoffen und Aromen energiedichte, kalorienreiche Produkte mit möglichst hoher Gewinnspanne zu produzieren. Sichtbar werde dies auch an den Werbebudgets: Für Süßwaren, Schokolade und Eiscreme wurden im letzten Jahr rund 723 Millionen Euro veranschlagt, der Werbeetat für Obst und Gemüse war dagegen mit sieben Millionen Euro verschwindend gering.

Wie reagiert die Lebensmittelbranche auf die Vorwürfe von Verbraucherschützern? Hier ist man der Ansicht, dass Übergewicht und Fettleibigkeit bei Kindern und Jugendlichen in erster Linie durch Bewegungsmangel und nicht durch ein ungesundes Lebensmittelangebot verursacht werden. Gelegentlich wird auch den Eltern, die für die Auswahl an Lebensmitteln zu Hause verantwortlich sind, zumindest eine Mitschuld zugesprochen. Als Reaktion auf die Vorwürfe von Foodwatch warnte der Branchenverband BLL vor einer „irrationalen Zucker- und Fett-Hysterie“. Die „unmittelbare Verantwortung“ der Lebensmittelunternehmen liege lediglich in der „Produktion geschmackvoller, hochwertiger und sicherer Lebensmittel, die auch Spaß machen und zu mehr Lebensfreude beitragen“.

Die Verbraucherschutzorganisation Foodwatch sieht nun vor allem die Politik in der Pflicht. Sie fordert ein verbessertes Lebensmittelangebot für Kinder und einen vom Staat organisierten Wettbewerb um gute und gesunde Lebensmittel. Außerdem solle auf Werbemaßnahmen und PR-Arbeit an Schulen und Kindergärten und bei Präventionsprojekten auf eine Kooperation mit der Lebensmittelindustrie verzichtet werden.

Aber auch Eltern und Lehrer können die Situation verbessern, indem sie mit gutem Beispiel vorangehen, gesund kochen und Ernährung im Unterricht thematisieren. Wer sich mit Lebensmitteln auskennt, deren Qualität beurteilen und Werbung einschätzen kann, ist gut gewappnet gegen leere Versprechungen. Und kritische Verbraucher sind die besten Argumente für eine Veränderung des Lebensmittelangebots.

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